| Bernhard
Kempa
Sportlegende

Stuttgarter Stadtanzeiger, 16.01.2006
Am 19. November 2005 feierte Bernhard Kempa Geburtstag. Nun ist der größte Trubel um die 85-Jahr-Feierlichkeiten vorbei - Zeit für etwas Besinnung.
Ein Leben - reich an
Sport und Begegnungen
Von Adriana Rossi, Januar 2006
Boll. Die Leistungen
eines Menschen sind untrennbar mit seiner Biografie verbunden.
Insofern beginnt auch die Zeitrechnung des ehemaligen Top-Sportlers
Bernhard Kempa nicht erst mit dem Beitritt zum Frisch Auf Göppingen.
Die hier und später auch beispielsweise im Tennis erzielten
Erfolge haben ihre Wurzeln bereits in seiner ursprünglichen
Heimat Oppeln in Oberschlesien. Aufgewachsen mit vier Brüdern
und zwei Schwestern verfolgten die Kinder zunächst das Ziel
der Eltern nach einer soliden schulischen und musikalischen Ausbildung. »Mit
Sport durften wir damals gar nicht ankommen«, erzählt
der 85-Jährige. Doch das Talent und die Begeisterung setzten
sich durch. Und so erfuhren Vater und Mutter erst über die
Schlagzeile »Elf Kempa-Tore führten zum Sieg« von
den heimlichen Ausflügen der Brüder zu den diversen
Handball-Meisterschaften. Es hätte munter so weitergehen
können, wären »die Kempas« nicht eingezogen
worden. »Zuerst fiel 1940 Richard, und fünf Jahre
später Georg.« In den Kriegswirren wurde jedoch auch
der Rest der Familie auseinandergerissen. Doch dank seiner sportlichen
Ambitionen in den unterschiedlichsten Bereichen und Disziplinen
schaffte es Bernhard Kempa, seine Angehörigen auch wieder
zu vereinen. »Als Suchdienstleiter beim Bayerischen Roten
Kreuz in München gelang es mir, meine Brüder Gerhard
und Achim aus der Gefangenschaft rauszuholen, und auch meine
Mutter und meine Schwestern zu finden.«
Hand- oder Fußball?
Immer wieder war es der Sport, der Kempa half
zu überleben.
Nicht nur aufgrund der körperlichen Kondition, die bei ihm
in der Regel besser war, als bei den meisten seiner Kameraden.
Auch ganz profane Gegebenheiten führten ihn zu den richtigen
Entscheidungen. »So folgte ich beispielsweise 1945 der
Einladung, von den »Münchener 1860«-Handballern
zu den Fußballern zu wechseln, weil diese nach dem Training
ein Stück Leberkäs und eine Maß Krug erhielten.
Bei den Handballern gab es nichts dergleichen.« Der vielseitige
Sportler ließ sich auch auf einen Crashkurs im Tischtennis
ein, holte sich flugs den Titel als »Münchener Stadtmeister«,
was ihm wiederum zu einem Posten als »German Instructor«,
also als Sportleiter bei den US-amerikanischen Streitkräften
verhalf. Hier »verdiente« er sich durch Freundschaftswettkämpfe
Päckchen weise Zigaretten, die er dann erneut in Nahrungsmittel
eintauschen konnte. »Ich hatte in meinem Leben schon viel
Glück«, sinniert er. Mag sein, dass es daran lag,
als Sonntagskind geboren zu sein, so das scherzhafte Resümee. »Sport
war für mich auch nie Zwang oder mit fanatischem Training
verbunden. Es ging immer in erster Linie um den Spaß -
was vielleicht auch damit zusammenhing, dass zu meiner Zeit selbst
für so gute Leute wie mich nicht diese enormen Summen gezahlt
wurde, wie das heute ja teilweise der Fall ist. Im Gegenteil,
oft genug mussten wir sogar noch Geld mitbringen.«
Der Weg zum Frisch-Auf!
Dass Kempa heute dennoch einen sorgenfreien
Ruhestand genießen
kann, ist vielmehr der Berufswahl von ihm und seiner Frau Marianne
zu verdanken. Kennen gelernt hatten sich die Beiden im Rahmen
ihrer Ausbildung zu Sportlehrern auf der Bayerischen Sportakademie
in München. »Marianne und die mehrfache Olympiasiegerin
von 1936, Christel Kranz, waren damals die ersten Frauen, die
eine Staatliche Skilehrerprüfung in Obersdorf absolvierten«,
erzählt Kempa noch immer sichtlich stolz.
Die Suche nach einer Wohnung im Nachkriegs- und Wiederaufbau-Deutschland
führte die »Kempa-Buben« samt Familie schließlich
1947 nach Göppingen. Der Rest der Geschichte ist schon längst
Legende und kann vermutlich von jedem nur halbwegs sportlichen
Menschen auswendig erzählt werden: Von 1947 bis 1957 aktiver
Spieler sowie bis 1971 insgesamt 19 Jahre Trainer beim »Frisch
Auf«. Zwei Weltmeister- (WM-)Titel und zahlreiche andere
Trophäen lassen Bernhard Kempa als »Monsieur Handball« in
die Sporthistorie eingehen. Der 1954 von ihm entwickelte »Kempa-Trick« findet
sich längst schon sogar im Duden. Und selbst als »Senior« gewann
der Allroundsportler im Tennis allein drei Mal die WM. Spielzüge-
und Methoden entwickelte der ehemalige Oberstudienrat auch in
den Disziplinen Turnen und Schwimmen, richtete an der Pädagogischen
Hochschule (PH) in Esslingen die Tennis-Abteilung ein. Und nicht
zuletzt sein soziales Engagement unter dem Motto »Wer hilft,
dem wird wiedergeholfen«, brachten ihm ebenso als Bundesbürger
eine ganze Reihe an Auszeichnungen der höchsten Klassen.
Das „Silberne Lorbeerblatt“ wurde ihm sogar zusammen
mit seiner Frau Marianne überreicht, womit die beiden bislang
das einzige Ehepaar sind, denen diese Ehrung zuteil wurde. Und
trotzdem ist er bescheiden geblieben. So bescheiden, dass ihn
sogar selbsternannte Sport-Insider nicht erkennen. »Ich
war nie ein Hektiker, und auch als Zuschauer bin ich wohl der
ruhigste von allen. Handball ist ein schnelles Spiel, und die
Schiedsrichter sind keine Profis. Ist doch klar, dass ihnen dann
mitunter mal ein Fehler unterlaufen kann. Einmal hörte ich
mir eine Stunde lang die Beschimpfungen eines Besuchers hinter
mir an. Er regte sich über die Spieler ebenso auf wie über
die Schieri-Entscheidungen. Bis ich endlich wagte zu fragen: ›Sind
Sie sicher, dass das ein Sieben-Meter war? Vielleicht sah das
aus Ihrer Perspektive so aus. Schließlich haben die Spieler
die Entscheidung ja akzeptiert.‹ Daraufhin fuhr mich der
Mann völlig erbost an: ›Was verstehen Sie denn schon
von Handball?!‹ Seitdem habe ich nie wieder gewagt, etwas
zu sagen...«, erzählt der Wahl-Boller amüsiert.
Natürlich verfügt er über ein ganzes Füllhorn
solcher Anekdoten von Begegnungen, Zufällen, und Erlebnissen.
Und zum Glück hat er sie im Jahre 2000 dann endlich auch
in seinem Buch »Ball ist Trumpf« zusammengefasst
und veröffentlicht. Denn Menschen mit Charisma und einer
Vorbildfunktion wie Bernhard Kempa werden wir künftig mehr
denn je brauchen. Vor allem im Berufssport. Und da ist es doch
ganz gut, wenn man immer mal wieder nachschlagen kann.
(ca. 6.200 Anschläge)
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Mehrfacher Weltmeister:
Bernhard Kempa
Foto: privat
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